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Oft unsichtbar, doch nicht unscheinbar, die Pilcrow (engl. für Pilzkrähe). Auch Absatzzeichen, Absatzmarke oder Alinea (lat. für »von der Linie weg«) genannt, kennzeichnet heute vor allem das Ende eines Absatzes. Vereinzelt aus typografisch und ästhetischen Gründen eingesetzt, kennen wir sie heute besonders aus Textverarbeitungsprogrammen, in denen sie den verborgenen Zeilenumbruch sichtbar machen kann. Außerdem wird sie zusammen mit dem Paragraphenzeichen in Rechtsdokumenten eingesetzt (§4, ¶6).

Doch woher stammt ihr Name und wie gelangte sie zu ihrer typischen Form?

Dafür muss man einige Zeit zurück blicken. Von den Phöniziern wurden Buchstaben symmetrisch aufgeschrieben. Auf eine Reihe, die von links nach rechts gelesen wurde, folgte eine in entgegengesetzter Richtung. Diese Art des Lesens nannte man »Ochsendrehen« von dem Arbeitsvorgang des Ackerbaus abgeleitet, wie die Bauern ihre Ochsen über das Feld trieben. Zudem gab es keine Interpunktionen, was das Lesen abermals erschwerte.

Man legte eine Leserichtung fest und um das richtige Betonen während des Lesens zu verdeutlichen, einigte man sich auf bestimmte Zeichen. Die Vorläufer unserer heutigen Satzzeichen. Bemerkenswert ist dabei, dass noch vor dem Punkt, der sogenannte »Paragraphos« (gr. para-, »neben« und graphein »schreiben«) markiert wurde, welcher vermutlich schon um das 4. Jahrhundert v. Chr. entstand.

Aus dem Wort Paragraphos leitete sich schließlich »Pelagreffe« ab, welches später im Englischen zu »Pylcrafte« wurde und höchst wahrscheinlich auf die englischen Wörter »craft« (Handwerk) oder »skill« (Geschicklichkeit) zurück zuführen ist. Aus »Pylcrafte« wurde der noch heute verwendete Begriff „Pilcrow“.

Zu aller erst wurde der Paragraphos durch eine Form eines Winkels gekennzeichnet, welcher einen Themenwechsel oder den Beginn eines neuen Abschnittes anzeigte.

vZudem wurde das Ausrücken und Vergrößern der ersten Buchstaben als Kennzeichnung eines neuen Themas üblich. Obwohl immer weitere Formen als Abschnitts Markierungen Verwendung fanden, erfreute sich eine Form besonderer Beliebtheit: Der Buchstabe »K«. Dieser stand für »Kapitulum« (Köpfchen) und wurde gezielt zur Kenntlichmachung eines neuen Argumentes oder Kapitels eingesetzt.

Durch die Vorliebe der Römer wurde das »K« schließlich durch ein »C« ersetzt. Aus Kapitulum wurde »Capitulum«. Doch noch fehlte etwas.

Der ausschlaggebende Punkt, nein Strich, in der Entwicklung der Pilcrow hängt mit dem rubrizieren (von lat. »rubricare«, rotfärben, mit Rubriken, versehen) zusammen. Von Rubrikatoren wurden Texte, meist in roter Tinte, mit kunstvollen Überschriften und Abschnittsmarkierungen versehen. Die kontrastreiche rote Tinte lenkte dadurch den Blick auf wichtige Unterteilungen und diente nicht allein der dekorativen Ausschmückung von Texten. Die Rubrizier verliehen der Pilcrow das noch fehlende Element. Sie fügtem dem »C« einen senkrechten Strich hinzu »¢«. Die entstandene Innenform wurde später gefüllt. Das ursprüngliche »K« war zum umgekehrten »P« geworden.

Zu Beginn des Buchdrucks wurden Rubrizierungen noch von Hand hinzugefügt, doch die Tradition ließ immer mehr nach. Mit dem Aufkommen der Druckerpresse stieg die Anzahl der zu rubrizierenden Texte und es wurde zu aufwendig und zu zeitintensiv diese alle mit Verzierungen oder Absatzzeichen zu versehen. Der weiße Raum, der anfänglich beim Druck für das spätere Hinzufügen des Absatzzeichens gelassen wurde, blieb immer öfter leer. Der eingerückte Absatz nahm die Stelle der Pilcrow ein. Dennoch ist sie nicht ganz verschwunden. Verborgen zwar und doch kannst du sie sichtbar machen!

Leoni Hommel