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Stell dir vor, du bist in den Weiten der Sahara unterwegs. Dein Mund staubtrocken, die Hitze lässt dich schwer atmen, die Sonne macht keine Pause »ⵟⴰⵔⴼⵓⴽ ⵜⴱⴱⴷⵉ« (Tarfuk tebbedei) und doch reitest du immer weiter. Seit Jahrhunderten ziehen deine Vorfahren als Nomaden durch die Wüste. Dein Volk wird als das der Tuareg bezeichnet, du selbst sagst »Imuhar«, was sich auf deine freie Abstammung bezieht.

Als dieses freies Volk anerkannt zu werden, deine Kultur und Tradition zu leben, unabhängig von der in dessen Staatsgebiet du lebst, ist bis heute schwierig.

So ist auch die Schrift der Imuhar, welche berberischen Ursprungs ist, nicht weit verbreitet und wird von den nordafrikanischen Staaten, in dessen Gebiete die Imuhar leben, kaum unterstützt.

Die Schrift heißt »Tifinagh« (ⵟⵉⴼⵉⵏⴰⴳ) und besteht aus 27 geometrischen Zeichen. Eine festgelegte Wortrichtung gibt es nicht, das traditionelle Tifinagh kann sowohl von oben nach unten, von rechts nach links, als auch umgekehrt geschrieben werden. Zudem sind keine Worttrennungen oder Vokale vorhanden, was das Lesen zusätzlich erschwert. So wurde Ende der 1960er Jahre von Intellektuellen berberischer Herkunft versucht das Tifinagh zu modernisieren. Das sogenannte Neo-Tifinagh entstand, in dem Satzzeichen hinzufügt sowie eine Worttrennung vorgenommen und die Leserichtung von links nach rechts festlegte wurde.

Kritisiert wurde an der modernisierten Variante, dass sie nicht als Mittel der schriftlichen Kommunikation nützen würde, da Verlage drucktechnisch nicht im Stande wären, diese zu drucken und sie daher mehr zur Festigung einer kulturellen Identität zu verstehen sei.

So wird Tifinagh auch heute kaum für Bücher oder lange Texte verwendet und findet vor allem in kurzen Bezeichnungen oder Segenssprüchen Gebrauch:

»Tenged i Akal! Mess-iner ikf ê Angi«, »Glück für das Land! Gott gab fließendes Wasser« (ⵟⵏⴳⴷ ⵉ ⴰⴽⴰⵍ !ⵎⵙⵙ-ⵉⵏⵔ ⵉⴽⴼ ⵃ ⴰⵏⴳⵉ). Früher wurde Wissen und Literatur hauptsächlich mündlich weitergegeben, wobei sich kurze Inschriften auf vorchristlichen Felsbildern der Sahara wiederfinden. Die Sprache der Imuhar ist »Tamascheq« und wird von etwa einer Millionen Menschen gesprochen.

Das »ⵟ« (Yatt) steht für das T und ist nicht nur der Anfangsbuchstabe des Wortes »Tifinagh«, sondern auch von »Tanzruft« ⵟⴰⵏⵣⵔⵓⴼⵜ (Sahara), »Tarfuk« ⵟⴰⵔⴼⵓⴽ (Sonne) und dem typischen Wickelgewand »Tesirnest« ⵟⵙⵉⵔⵏⵙⵜ.

Leoni Hommel