U+00416
Ж

Das Unicodezeichen U+00416 steht für Ж, einen Großbuchstaben aus dem Kyrillischen. Sein »Minuskel-Äquivalent« sieht, bis auf seine niedrigere x-Höhe, identisch aus. In die Lautschrift übertragen steht Ж für »ʒ« (weiches dsch; sch). Schon im Altkyrillischen hatte der Glyph dieselbe Erscheinungsform sowie Bedeutung. Kein Wunder, denn die symmetrische Statur gibt Ж eine gewisse Standhaftigkeit und lässt zugleich sehr elegante Züge zu. Gerade in Serifenschriften erhält Ж leicht verschnörkelte und abgerundete Attribute ohne dabei an Kraft einzubüßen. Für das, an lateinische Buchstaben gewöhnte Auge mutet der Glyph einem sich spiegelnden K oder einer X-I-Kombination an.

Das kyrillische Schriftsystem hat seinen Urpsrung im glagolithischen Alphabet nach den byzantinischen Brüdern und Universalgelehrten St. Kyrill und St. Methodius. Auch heute findet Kyrillisch seine Anwendung primär im slawischen Raum sowie in weiten Teilen Asiens. Folgende Sprachen bedienen sich dem Kyrillischen: Bulgarisch, Kasachisch, Kirchenslawisch, Kirgisisch, Mazedonisch, Mongolisch, Ossetisch, Russisch, Serbisch, Tadschikisch, Tatarisch, Tschetschenisch, Ukrainisch und Weißrussisch.

Seitdem Bulgarien Teil der Europäischen Union ist, so ist es auch das kyrillische Alphabet. Denn der Eintritt des Balkanstaates bescherte der EU 2007 nicht nur einen weiteren Mitgliedsstaat, sondern einen erheblichen Beitrag zur angewandten Sprachkultur. Kyrillisch ist somit neben Latein und Griechisch eines der drei aktiv verwendeten Alphabete des europäischen Projekts.

In Kasachstan klingt die Situation jedoch nach dem Gegenteil eines Erhalts an kulturellem Erbe: So soll bis 2025 ein Umstieg vom kyrillischen zum lateinischen Alphabet gelingen, was jedoch nicht die erste Schriftreform des zentralasiatischen Landes wäre. Bis 1925 wurde Kasachisch mit arabischen Glyphen geschrieben und schließlich durch lateinische ersetzt. Durch sowjetische Angleichungsbestrebungen wurde Kyrillisch 1940 zum offiziellen Schriftbild, welches innerhalb von nur acht Jahren wieder zum Latein zurückkehren soll - genau 100 Jahre nach seiner Ersteinführung. Dennoch fordert dies einen enormen Aufwand in Pädagogik und Publizistik. Ist es diesen Aufwand wert? Und noch essenzieller: Was passiert mit dem kasachischen Identitätsgefühl?

Coco Lobinger